Sechs, setzen, Herr Piper
General Motors und Opel sind nun zu einem großen Teil in der Hand des Staates. Nachdem die Unternehmen in den Untergang geführt wurden, versuchen Politiker nun so viele Arbeitsplätze zu retten wie möglich. Dass das nicht gut gehen wird, davon ist Nikolaus Piper von der Süddeutschen überzeugt. Denn in seinem Kommentar über die zunehmende Verstaatlichung unterstellt er den Politikern die falsche Beweggründe, und damit nicht die Weitsicht, wirklich wirtschaftlich zu arbeiten. Dabei übersieht er aber einen äußerst wichtigen Punkt: Auch Manager in der Wirtschaft betrachten das Unternehmen nicht von allen Seiten.
Seine gesamte Argumentation läuft auf einen Fehler der Politik hinaus: Sie interessiert sich nur für Wählerstimmen. Damit mag der Herr Piper gar nicht einmal so unrecht haben, zieht aber folgenden Schluss:
Politiker sind schlechte Manager [...] weil sie andere Interessen haben und auch haben müssen. Politiker sind dem Wohle des ganzen Volkes verpflichtet und haben Wählermehrheiten für ihre Ziele zu organisieren.
Bereits mit dieser Einschätzung liegt der Herr von der Süddeutschen nicht ganz richtig und widerspricht sich. Denn zum Wohl des ganzen Volkes gehört unter anderem auch, einer funktionierenden Wirtschaft zuzuarbeiten. Was aber passiert, wenn der Staat der Wirtschaft freien Lauf lässt, kann man sehr gut in Russland von 1890 bis 1917 sehen.
Daraufhin weist Piper auf die widersprüchliche Verstaatlichungs-Politik hin:
Auch im Staatskonzern General Motors sind schwere Interessenkonflikte unvermeidbar. Obama will - zu Recht - die Autoindustrie zum Benzinsparen zwingen. Nun gehören aber zu den wenigen Modellen, die bei General Motors zuletzt noch Gewinne eingefahren haben, vor allem benzinverschwendende Pick-up-Trucks und Geländewagen. Wie geht der Staat als Aktionär damit um?
und:
Oder die Arbeitsplätze: Politiker haben bereits verhindert, dass General Motors Jobs nach China verlagert. Das ist gut für die Betroffenen, aber schlecht für GM.
Daraus zieht er folgende Schlussfolgerung:
Betriebswirtschaftlicher Erfolg und politische Ziele stehen häufig und notwendigerweise im Konflikt. Das ist normal und gehört zur Marktwirtschaft.
Die Gründe für den Eingriff der Politik in die Marktwirtschaft liegt für Piper in nationalen Interessen, weil:
Bei allen Rettungsaktionen geht es um Arbeitsplätze, genauer: um inländische Arbeitsplätze, schließlich sind Politiker inländischen Wählern verpflichtet.
Und genau hier kommen wir auf den entscheidenden Fehler, den Piper macht. Er mag zwar Recht haben, wenn er sagt, die Politik habe keinen Blickwinkel für den wirtschaftlichen Aspekt. Aber Piper schafft es am Ende nicht, einen marktwirtschaftlichen Horizont zu verlassen, denn der Markt besteht aus Menschen, die fühlen, und nicht aus reinen Wirtschaftsfaktoren.
Jeder Manager in jedem Land kann über diesen Punkt nicht hinaussehen. Dafür wurde er auch nicht ausgebildet. Er soll die bestmöglichen Entscheidungen für sein Unternehmen treffen. Denn Expansion und Rendite sind hier weit wichtiger, als das Befinden der "Wirtschaftsfaktoren". Nicht umsonst werden Arbeitsplätze nach China verlegt. Damit schauen nicht nur die Menschen in Europa in die Röhre, nein, auch die Arbeiter in China werden von der Wirtschaftspolitik ihres Landes ausgenutzt. Fairness und Gerechtigkeit zählen nur solange, wie das Unternehmen, und damit die Nutznießer dieses Unternehmens (was einen kleinen Teil darstellt) etwas davon haben.
Wie lange muss es dauern, dass Menschen wie Piper endlich begreifen, dass der Nachbar auch leben will. Dass der Nachbar auch Gefühle hat, und nicht nur ein Bild von Pipers Weltanschauung ist. Klar kann ich sagen, ich weiß nur von mir, dass ich existiere. Aber soweit würde der Freund der Realität Piper nicht gehen. Und der Chinese, der an Ort und Stelle ausgebeutet wird, ist weit weg. Er lebt nicht vor seiner Haustür. Also was geht es ihn an.
Aber:
Wenn Piper eine globale Marktwirtschaft will, dann müssen erstens die Voraussetzungen überall gleich sein und zweitens, muss Herr Piper auch endlich begreifen, dass es einen guten Grund gibt, warum anderswo billig hergestellt wird. Und das hat nichts mit Menschenwürde zu tun.
Sehr geehrter Herr Piper. Sie zeigen mit diesem Kommentar deutlich, wie arrogant und desinteressiert Sie an dem Leben anderer Menschen sind. Ich möchte Sie in China sitzen sehen, 14 Stunden am Tag arbeiten müssen und nicht wissen, ob sie diesen Monat auch wirklich den vollen, kargen Lohn ausgezahlt bekommen. Denn nicht Leistung zählt im Kapitalismus, sondern wie gut die Arbeitskraft ersetzt werden kann.
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