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Geschichtsverständnis vs. Geschichtsverklärung

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Auf F!xmbr schrieb Chris gestern einen äußerst interessanten Beitrag über die Stasi-Akten. Darin geht es um den Vorschlag, die Stasi-Akten wieder zu schließen, um der Einheit des Volkes nicht im Weg zu stehen. Kommt dieser Vorstoß zur rechten Zeit?

Die zunehmende Priorität von Naturwissenschaften schafft in unserer Gesellschaft ein falsches Verständnis von den Geisteswissenschaften. Gern belächelt, stehen sie bei der Vergabe von Mitteln schlechter da als deren Brüder, die nicht die menschliche Natur, sondern die Außenwelt untersucht. Dies liegt darin, dass in unserer Weltanschauung der Wert auf den Profit, statt auf Fortschritt gelegt wird - viel Profit wird man bei den Geisteswissenschaften nicht finden. Das ist tragisch, denn so verliert der Mensch die Perspektive auf sich selbst.

Nun steht der Vorschlag im Raum, die Stasi-Akten 20 Jahre nach dem Fall der Mauer zu schließen. Die Gründe dafür scheinen berechtigt. So schreibt Chris, dass die Möglichkeit zur Einsicht in diese geschichtsträchtigen Unterlagen die Menschen in Ost und West weiter auseinander gedrängt hat, statt sie in den vergangenen zwei Jahrzehnten zusammen zu führen. Fast jeder auch noch so unwichtige Dorf-Gaukler hatte eine IM-Vergangenheit. Das schürte das Misstrauen untereinander und das Bild im Westen über den Osten wird vor allem dadurch geprägt. Chris schreibt:

Das Bild des Westens über den Osten wird auch heute noch durch die Stasi, Hockecker und Mielke gezeichnet, nicht aber durch die Menschen selbst.

Damit müsse nun endlich Schluss sein. Das deutsche Volk muss wieder zusammenwachsen und dafür gilt es das Misstrauen und den dadurch entstandenen Hass zu verschließen. Es mag, so Chris, großes Unrecht in der DDR gegeben haben, doch kann dieses durch die Verfolgung der Schuldigen nicht mehr rückgängig gemacht werden.

Es wird Heribert Prantl zitiert, der die Stasi-Akten mit Pandoras Box verglich (Zu dessen Artikel geht es hier lang). Fluch und Segen, Erkenntnis und Misstrauen, Entlarvung und Entsolidarisierung sind hier die Schlagworte, die über die Menschen im Osten, aber auch der BRD herein gefallen sind. Der Aufklärung, so das Fazit, sei nun genüge getan. Damit das Negative aus dieser Box nicht weiter den Einheitsprozess behindert, soll sie nun für immer geschlossen werden.

Doch das wäre der schnelle, einfache Weg, das Zusammenwachsen zu befruchten. Allerdings auch der Falsche. Denn wenn keine lückenlose Aufklärung stattfinden kann, wird eine dunkle Stelle im Geschichtsverständnis der Deutschen bleiben. Sie wird da sein, um jederzeit aufzubrechen, auch wenn wir es nicht wollen. Und dann wird das Geschichtsverständnis zur Geschichtsverklärung.

Der jetzt schmerzvollere und längere Weg, und somit auch der schwierigere führt nur über eben jene lückenlose Aufklärung. Die Deutschen brauchen Kraft, Vertrauen und Mut, in eine Gesellschaft zu investieren, die von allen Seiten bedroht ist. Wie von den Stasi-Akten. Aber die Bedrohung verschwindet nicht, wenn wir den Blick von ihr abwenden, im Gegenteil, sie wird dadurch noch gefährlicher. Sie muss beseitigt werden, auch wenn dazu eben viel Kraft, Mut und Vertrauen gehört.

Der Fluch, das Misstrauen und die Entsolidarisierung aus der Büchse der Pandora müssen bekämpft werden. Dazu brauch es aber andere Voraussetzungen. Ein Gesellschaftssystem, welches Neid, Hass, und Kampf glorifiziert wird dem Volk niemals das geben können, was es brauch - eine Basis um Vertrauen aufzubauen. Und da nützt es auch nichts, die Stasi-Akten zu verschließen.

Und genau deswegen ist es wichtig, den Blick in die Vergangenheit nicht zu verlieren. Wir sehen Fehler, die es gilt zu analysieren und korrigieren, für unseren Fortbestand. Denn das Leben ist ein Prozess, der nicht nur aus dem Hier und Jetzt besteht, sondern gleichermaßen aus unserer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

So wie die Grausamkeiten des Dritten Reiches einen grauen Schleier über uns entfaltet haben, brachte die DDR und der gesamte Ostblock ein rotes Schreckengespenst über uns. Beide Altlasten behindern uns, mit unserer Vergangenheit ins Reine zu kommen. Sie erinnern uns zwar stets an die Untaten und Verbrechen, die in und durch unser Volk passiert sind. Und das ist auch gut so. Allerdings verzerren sie auch den Blick auf Dinge, die Abseits des Übels vorhanden waren. Und Menschen, die nicht nur Schwarz und Weiß sehen, sondern tiefer blicken wollen, werden im Namen einer vorgehaltenen Menschlichkeit beschimpft und diffamiert, die nur eigene Interessen schützen soll. Es braucht eine neue Aufklärung in unserer Gesellschaft und das Vertrauen, dass wir zusammen arbeiten müssen und sollen, und nicht gegeneinander. Erst wenn das dem Letzten klar ist, können wir anfangen, eine Gemeinschaft zu entwickeln, die aus der Vergangenheit lernt, um in der Gegenwart richtig zu handeln, damit der Zukunft eine solide Basis aus Vertrauen und Gemeinschaftsgefühl aufgebaut wird.

Geschrieben von Captain

08.11.2009 um 23:52:09

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