Der Glauben - Das Ende einer Ära?
Ich habe immer schon gesagt, der Glaube des Menschen ist das Wichtigste für sein Leben. Er treibt ihn vorwärts, auch wenn der Weg noch so steil den Berg hinauf führt. Selbst die wildesten Flüsse, die dichtesten Dschungel und die eisigsten Stürme sind für den Menschen, wenn er denn will, kein unüberwindliches Hindernis mehr. Dabei ist es egal, ob man an sich selbst, an Gott, an die Natur oder in die Technik glaubt. Solange er da ist, und einem die Sicherheit gibt, wofür dies alles erreicht werden soll, können auch die schlimmsten Rückschläge gemeistert werden. Wie in guten, so in schlechten Zeiten - wie uns eine bekannte Wendung versichert.
Doch aber genau wegen dieser bedeutungsvollen Stellung in unserem Leben, ist der Glaube auch der größte Angriffspunkt. Der Magazin-Verkäufer an der Haustür, der Klingelton-Vertreiber im Internet oder auch der Finanzberater in der Bank, sie alle versuchen uns in dem Glauben zu lassen, dass das gerade abgeschlossene Geschäft genau das eine Geschäft unseres Lebens sei, obwohl eben besagte Vertreter genau wissen, welche Stolpersteine und Haken sich in den unterzeichneten Verträgen verbergen. Doch diese Beispiele sind meist nur kleine Fische, die sich in den dunklen Tiefen des Abgrundes tümmeln. Ein besonders dicker Brocken scheint die katholische Kirche zu sein.
Natürlich gibt es einen feinen Unterschied zwischen dem Glauben, ein gutes oder schlechtes Geschäft abgeschlossen zu haben, und dem Glauben, dass eine übernatürliche Macht für unser Leben verantwortlich sei. Eine Macht, die über uns wacht und uns am Ende für unsere Taten zu Lebenszeiten belohnt, oder bestraft. Zweiterer beeinflusst das Leben noch stärker, als einem (kleinen?) Betrug aufgesessen zu sein. Denn der ganze Tagesablauf, Werte und Weltanschauungen werden durch eine Religion geprägt und beherrscht. Das gilt nicht nur für die katholische Kirche, sondern für jede Religionsgemeinschaft, und sei sie auch noch so klein.
Zwar nicht oft, aber doch immer wieder wird in den Medien von den Schreckenszeiten dieser kleinen "Gemeinden" (auch abfällig als Sekten bezeichnet) berichtet. So werden Grausamkeiten, die auf Grund ihres Glaubens durchgeführt werden, publik. Sei es der Hungertod eines Kindes, welches nicht aufhören wollte zu schreien, Massen-Vergewaltigungen oder Massen-(Selbst-)Morde; ein unglaubliches Leid wird damit verbreitet.
Nun steht auch die katholische Kirche am Pranger. Immer öfter werden Fälle bekannt, die von sexuellen sowie gewalttätigen Missbrauch gegenüber Schutzbefohlenen zeugen. Hochgerechnet auf die Anzahl von Priestern, ist diese Zahl aber noch verschwindend gering. Denn in der Presse tauchen nie die positiven Beispiele eines leidenschaftlichen Katholiken auf, der seine Religion bis in das kleinste befolgt, auslebt und seiner Gemeinde ein gutes Vorbild ist. Selbst wenn, würde das wohl nicht viel nutzen. Zu stark wird die öffentliche Meinung von den wenigen (wenn es denn wenige sind, hoffentlich) schlechten Beispielen geprägt.
Glauben braucht zudem eine wichtige Zutat - Glaubwürdigkeit. Eine Firma wird nicht überleben, wenn niemand den Glauben hat, dass dessen Produkte für einen richtig, bzw. wichtig seien. Sportler, die dopingfreies Benehmen versicherten, aber später überführt wurden, verlieren ihre Anhänger und Sponsoren. Kinder die Drogen nehmen, dies aber vehement bestreiten, brauchen lange, um das Vertrauen der Eltern wieder zu gewinnen. Eine Partei, die werbewirksam für eine saubere Politik wirbt und dann im Spendensumpf versinkt, verliert Zustimmung beim Wähler. Eine Religionsgemeinde, die Nächstenliebe und gewaltfreies Leben propagiert, macht sich unglaubwürdig, wenn sexueller und gewalttätiger Missbrauch an Minderjährigen öffentlich wird.
In allen Fällen sind die Reaktionen aber meist gleich: So lange abstreiten, bis das leugnen nichts mehr hilft.
Wie im Fall des Augsburger Bischofes Mixa. In den vergangenen Wochen meldeten sich Zeugen, die dem Bischof gewalttätiges Verhalten ihnen gegenüber vorwerfen. Dies geschah zu einer Zeit, wo die Opfer noch Kinder waren und vom Bischof, damals noch Pfarrer, betreut wurden. Die erste Reaktion des katholischen Hirten - er stritt die Vorwürfe ab. Später gab er zu, die eine oder andere Watschen verteilt zu haben. Das wäre aber zu jener Zeit ja auch so üblich gewesen und die Kinder hätten dies wissen müssen. Hätten sie?
Wahrscheinlich stand Bischof Mixa damals auf dem Standpunkt, die Kinder hätten auch noch die andere Wange hinhalten müssen. Außerdem bezweifle ich ganz stark, dass diese Methoden, seien sie auch noch so passend in jener Zeit gewesen, zu der Lehre der katholischen Kirche passen. Hinzu kommt, dass die Opfer, von denen sich immer mehr meldeten, nicht nur von Watschen, sondern auch von Schlägen mit der Faust und von Prügel auf den Hintern mit Stock oder Teppichklopfer sprechen.
Auch wenn der Bischof nun seinen Rücktritt angeboten hat, es bleibt eine Wunde zurück. Eine Wunde im Glauben an die katholische Kirche. Diese Wunde wird stetig wieder aufgekratzt, je mehr Meldungen über den Missbrauch der Macht an die Öffentlichkeit dringen. Und irgendwann einmal wird diese Wunde nicht mehr heilen können.
Nun ist das ein Beispiel unter vielen. Holocaust-Leugnungen, sexueller wie gewalttätiger Missbrauch zeugen von einer Arroganz innerhalb der Kirche, und bilden wohl nur die Spitze des Eisberges. In Frankreich wird einem Bischof von einem Kardinal gedankt, weil dieser einen Priester, der sich an Kindern vergangen hatte, nicht den Behörden meldete.
Diese Beispiele sollten aber nicht den Glauben an die katholischen Lehren per se in Frage stellen. Sie zeigen nur deutlich, wie Macht in einer einflussreichen Position korrumpieren kann. Trotzdem erschüttern diese Vorkommnisse die Glaubwürdigkeit eben jener Institution, die sich als der Bewahrer dieses Glaubens sieht. Wenn aber die Bewahrer den eigenen Glauben nicht vertreten, wie soll dann der einfache Mensch an dem eigenen Glauben festhalten?
Rücktrittsforderung aus Politik oder Gesellschaft, wie sie im Falle des Bischofs Mixa laut wurden, sind aber lächerlich. Die katholische Kirche ist eine eigenständige Institution, die das Recht auf Selbstbestimmung besitzt, und auch besitzen sollte. Dass diese Selbstverwaltung im Rahmen der geltenden Gesetze besteht, ist selbstverständlich. Aber die Kirche ist mit ihrer Politik, sei es die Aufklärung von Missständen oder das besetzen relevanter Posten, auch selbst verantwortlich, wie glaubwürdig sie sich selbst am Ende als Institution macht.
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