"Schändlicher" Bonus - Spitze des Eisbergs
Teil Eins eines massiven Blindheitssystems:
Nun hacken alle auf ihnen rum - die "geizigen" und "ehrlosen" Manager von Banken, die vor der Sinflut noch ihre Boni einstreichen möchten. Den Kritikern allen voran, natürlich unsere Politiker. Stefan Jentzsch kann ein Lied davon singen. Er ist das fleischgewordene Böse für Steuerzahler, Bild und Regierung. Angeklagt und verurteilt. Von der selben Meute. Holger Steltzner, einer der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung analysiert das derzeitige Problem - und schießt mit seiner Lösung nicht nur weit daran vorbei, sondern zeigt auch deutlich, dass nichts aus der Krise gelernt wurde. Denn auch er hat noch immer nicht begriffen, dass Menschlichkeit und Gesellschaftssinn, eigentlich Grundpfeiler einer modernen Gesellschaft, nicht mit Geld gekauft werden können.
In seinem Kommentar berichtet er über den falschen Aufbau der Anreizsysteme.
Solche Gehaltsexzesse in Banken wären ohne falsch konstruierte Anreizsysteme nicht möglich gewesen. Da haben Vorstände und Aufsichtsräte versagt und die Aufsichtsbehörden geschlafen.
Der erste Schuldige ist gefunden. Vorstände und Aufsichtsräte hätten versagt. Obwohl auch ihr Endgehalt von solchen Boni-Systemen abhängt, nachzulesen im Geschäftsbericht 2007 der Deutschen Bank im Abschnitt Vorstand und Aufsichtsrat. Damit soll der Belzebub wohl mit dem Teufel ausgetrieben werden. Und was genau macht die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht?
Steltzner moniert zudem, dass zwar solange es der Firma gut ginge, jeder zufrieden sei und sein Boni verdient habe (auch Aktionäre), bei schlechten Zeiten die Verantwortlichen aber nicht für den Verlust haften müssten. Das Risiko trage der Aktionär, und wenn dessen Kapitalzulage verpulvert wurde, am Ende der Steuerzahler. Im günstigsten Fall stehen laut Arbeitsvertrag den Bankern sogar noch Boni zu, wie es nun der Fall bei Stefan Jentzsch ist.
Das muss geändert werden. Er formuliert es wie folgt:
Klug konstruierte Leistungsanreize wirken hingegen segensreich. Sie belohnen Einsatzfreude, honorieren den Erfolg und werden täglich im Vertrieb unzähliger Unternehmen eingesetzt.
Denn:
Boni sind auch nicht die Auslöser der Krise.
Wie sieht aber ein "klug konstruierter Leistungsanreiz" aus? Das lässt Steltzner offen. Vielleicht denkt er dabei an ein Bonus-Malus-System, etwa so, wie es die Schweizer nun vormachen. Aber zurück zu seinem Kommentar. Wenn wir heute auf diese Banker schimpfen, so Steltzner, treffen wir zwar auch die Richtigen, aber nicht die Hauptverantwortlichen. Die sitzen, so wie es scheint, in Amerika.
Der Ursprung der größten Finanz- und Wirtschaftskrise seit der Großen Depression des letzten Jahrhunderts liegt in den Vereinigten Staaten. Das politische Programm, aus Amerika ein Land der Hausbesitzer zu machen, wurde vom damaligen Notenbankpräsidenten Greenspan unterstützt. Er trieb mit negativen Realzinsen über lange Zeit die Amerikaner geradezu in die Verschuldung.
Was Steltzner bis zu diesem Zeitpunkt von sich gibt, hat marktwirtschaftlich gesehen Hand und Fuß. Er macht es sich aber zu einfach, die Hauptschuld außerhalb Deutschlands zu suchen (ganz nach dem Motto, wie dürfen alles nachmachen, wenn es schief geht, sind wir wenigstens nicht schuld). Dazu aber noch später. Denn in seinem letzten Abschnitt beklagt er, dass die Regierung nun scheinheilig den moralischen Zeigefinger hebe. Denn ihr muss zur Zeit, wo über die Unterstützung der Commerzbank entschieden wurde, klar gewesen sein, dass "der Bonustopf schon vor dem Verkauf der Dresdner Bank vom vormaligen Besitzer Allianz ins Fenster gestellt" wurde.
Deswegen vermutet Steltzner nun, dass hinter der Erregung mehr stecke:
Vielleicht bereitet die Regierung weitreichende Eingriffe in die Entscheidungsrechte von Eigentümern vor.
Und zeigt am Ende Flagge, worauf seine Argumentationslinie hinläuft:
Nach geltendem Aktiengesetz befindet im Auftrag der Aktionäre der Aufsichtsrat über die Gesamtbezüge des Vorstands, die in einem angemessenem Verhältnis zu den jeweiligen Aufgaben und der Lage der Gesellschaft stehen sollen. Will der Gesetzgeber diesen Ermessensspielraum eingrenzen? Soll der geplanten Enteignung von Bankaktionären der Eingriff in die Vertragsfreiheit folgen? Wird in der Krise auch dieser Pfeiler der Marktwirtschaft fallen?
Darum geht es also, wenn Steltzner von "klug konstruierten Leistungsanreizen", von den Schuldigen in Amerika, von haftungsfreien Unternehmensmanagern und -angestellten, und von den scheinheiligen Gesetzgebern spricht? Die Bewahrung der Marktwirtschaft? Wie bereits erwähnt, schien alles, was er vor dem letzten Abschnitt geschrieben hat, überzeugend und logisch. Allerdings zeigt er am Ende sein wahres Gesicht. So wie sein Argumentationsstrang aufgebaut ist, liest es sich wie aus der Feder eines Aktionärs, der seine Felle davon schwimmen sieht. Es mag ja sein gutes Recht sein, sein Privatvermögen sichern zu wollen, und auch publizistisch Stimmungsmache dafür zu betreiben. Allerdings tappt er nun in dieselbe Falle, die schon den Bankern und den Politikern zum Verhängnis wurden.
Das Problem an dieser Wirtschaftskrise ist nicht, dass es sie gibt. Das Problem an dieser Wirtschaftskrise ist dasselbe, welches unsere Gesellschaft in ein Zwei-, Drei- oder gar Vierklassengesellschaft eingeteilt hat. Jeder versucht nun, ohne an seine Mitmenschen und ohne an die Gesellschaft und das Gemeinwohl zu denken, seine Schäfchen ins Trockene zu bringen, sprich das zu verteidigen, "was einem rechtlich zusteht". Zwar ist diese Handlungsweise nur zu menschlich (was das traurige an der Sache ist), zeigt aber nur zu deutlich, dass niemand gewillt ist, aus alten Fehlern zu lernen, um mit der Gesellschaft eine neue Entwicklungsstufe zu erreichen. Der so gepriesene Individualismus geht mit einem schädlichen Egoismus einher, dass es kein Wunder ist, dass Manager oder Angestellte trotz schlechter Zeiten auf ihre zustehenden Boni (notfalls vor Gericht) nicht verzichten wollen, dass die Politik es nicht schafft sich von der Lobby und dem Irrglauben, dass nur Wirtschaftswachstum uns voran bringt zu lösen, und dass Aktionäre Angst davor haben, neben ihrem Geld auch noch die Eingriffsmöglichkeit in den Unternehmen zu verlieren.
Und genau das ist das Schlimme an der Sache. Menschlichkeit und Gemeinwohl zählen nur so lange, wie man darüber spricht. Aber wenn den Worten Taten folgen sollen, ziehen sich alle in ihr Reich zurück, umarmen ihr Eigentum und verteidigen gierig das, "was ihnen rechtlich zusteht". Solange man nicht selbst dabei vor die Hunde geht, solange fehlt auch das Interesse, etwas zu ändern.
1 Trackback zu "Schändlicher" Bonus - Spitze des Eisbergs
2 Kommentare zu "Schändlicher" Bonus - Spitze des Eisbergs
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Damit hast Du wohl ziemlich genau den Nagel auf den Kopf getroffen. Am besten sind solche Leute, die bei solchen Vorschlägen gleich die persönliche Freiheit bedroht sehen, weil man ihnen etwas vorschreibt…
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Schade, dass es nicht noch mehr Menschen so sehen


Die Rote Couch
24 Feb 09 um 13:45