Das Dilemma der Medien nach der Tragödie von Winnenden
Das Massaker von Winnenden wird noch lange in der deutschen Gesellschaft nachhallen. Länger als gehofft, aber kürzer als notwendig. Länger, weil das Thema immer noch gut genug ist, um Zuschauerzahlen oder Käufer anzulocken, aber nicht lange genug, weil es, wenn es seinen Reiz verliert, in der Versenkung verschwinden wird. Dafür werden Medien und Politiker sorgen. Eine besonders große Enttäuschung erlebte ich dabei bei der FAZ. Eigentlich die Zeitung, welche ich zu den seriösesten in Deutschland zähle, schreibt über die Wünsche der Hinterbliebenden, um im gleichem Atemzug diese zu verhöhnen und mit Füßen zu treten.
Philip Eppelsheim von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung versuchte in einer einfühlsamen Art und Weise die Stimmung in Winnenden dem Leser näher zu bringen. Seine sensible Vorgehensweise wurde dabei im Kommentarbereich gelobt. Detailliert beschreibt er, wie stark die Trauer und Fassungslosigkeit die Stadt erdrückt, kein Wunder bei dem Ausmaß der Tat. 16 Menschen mussten ihr Leben lassen. Eppelsheim beschreibt zudem sehr deutlich, dass die betroffenen Menschen dort von den Medien in Ruhe gelassen werden wollen. Denn Sie wollen Trauern. Trauern für sich, und nicht vor den Augen der Nation. Diesen Wunsch, den der Autor so feinfühlig dem Leser übermittelt, selbst diesen Wunsch schlägt Eppelsheim den Trauernden aus.
Einige Auszüge aus seinem Artikel:
Jetzt [...] kann er von Kameras unbeobachtet vor den Betonvorsprüngen niederknien [...] „Keine Presse“, haben die Gymnasiasten vom Lessing an die Fenster geklebt. „Lasst uns in Ruhe trauern.“ [...] Ein Kamerateam nähert sich. Die Jugendlichen machen Gesten, deuten an, dass sie allein sein möchten. [...] „Warum können die uns nicht in Ruhe lassen?“
Der Beitrag ist gefüllt mit solchen Stellen, wo deutlich wird, dass die Menschen dort alleine sein wollen. Dass sie genug von den fragenden Reportern haben, die immer intimere Details aus dem Leben des Täters erfahren wollen. Und die Trauernden haben genug, vor die Augen der Nation gezerrt zu werden, um dort wie in einem Zoo begafft, bestaunt und betrauert zu werden. Denn Trauer ist eine private Sache. Trauer öffnet die Seele eines Menschen in dem Augenblick, wo er am verwundbarsten ist. Das heißt nicht, dass man alleine trauern soll, dass heißt nur, dass nur nicht jeder dabei zuschauen darf. Der Trauernde sucht sich selbst seine geliebten Personen, denen man sich öffnen und reden will. Genau das versucht Eppelsheim auszudrücken.
Allerdings scheint er nicht zu begreifen, dass er damit genau das Gegenteil bewirkt. Auch er gehört zu der Presse, die in Winnenden nicht mehr willkommen ist. Auch er zerrt die Menschen wieder und wieder aus ihrem Alleinsein auf die Straße, um sie der Nation vorzuführen. Auch er ignoriert die Trauer und Wünsche, welche den Hinterbliebenen bleibt. Und auch er stellt sich damit mit denjenigen in eine Reihe, die sich mit den Schmerzen von anderen Menschen profilieren wollen.
In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich, wenn ein Journalist in seinem Beitrag eine gierige Meute gerechtfertigt brandmarkt, um im gleichen Atemzug sich in diese Meute gesellt? Können Sie mir das beantworten, Herr Eppelsheim?
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