Benedikt XVI. und die Kondome - Die Zweite
Ehrlich gesagt frage ich mich langsam, wie kurzsichtig Menschen wirklich sein können. Zwei Bruchstücke eines Kommentars des Papstes werden aus dem Kontext gerissen und gleich fängt das Bashing wieder an. Medien und Politiker zusammen-gemeinsam vorneweg. Bei den Politikern kann ich es ja verstehen, denn wenn der Papst recht hätte, müssten Sie zugeben, dass sie viel zu wenig beitragen, die Krankheit zu bekämpfen. Warum aber die Medien so auf den Papst einprügeln, kann ich beim besten Willen nicht verstehen. Sie scheinen den Vergleich als vierte Macht im Staate misszuverstehen, denn sie reihen sich in die Schlange der politischen Versager mit ein. Zuhören, Nachdenken, und dann schreiben, sollte ihr Motto eigentlich lauten. Sie scheinen aber den mittleren Schritt immer öfters auszulassen. Besonders überzeugend beweist das Alexander Smoltczyk auf Spiegel-Online mit seiner Sichtweise zum Papst.
Smoltcyzk geht in seiner Argumentation davon aus, dass “Public Relations” das “Präservativ im Umgang mit Medien” sei. Dabei zitiert er die Definition dafür von Carl Hundhausen:
Public Relations ist die Kunst, durch das gesprochene oder gedruckte Wort, durch Handlungen oder durch sichtbare Symbole für die eigene Firma, deren Produkt oder Dienstleistungen eine günstige öffentliche Meinung zu schaffen
Das bedeutet, dass (in diesem Fall) Papst Benedikt XVI. seine Meinung besser verpacken sollte, nämlich so gut, dass seine Meinung unbedingt richtig klingen muss, auch wenn er der Gefahr läuft, dass er falsch verstanden wird. Das heißt, auch wenn er missverstanden wird, ist es gut, solange er die Gesetze der “Public Relations” beherzigt. So scheint zumindest die Kernaussage zu sein, wenn man den Kommentar liest.
Denn, so schreibt er weiter, und bringt die Formulierung des Werbeprofis Sebastian Turner ins Spiel:
Der Papst ist eine gute Marke. Er verfügt mit dem Kreuz über ein starkes Branding, hat überall Outlets in den Gemeinden und seine Flagshipstores, die Kathedralen, dominieren unsere Städte. Und regelmäßig jeden Sonntag gibt es ein Eventmarketing. [...] und bedauert, dass die Kirche nicht mehr aus ihrem Branding macht.
In diesem Zusammenhang weist er auf 200-seitige Studie des päpstlichen Rates für Gesundheit, “in der mögliche Positionen der Kirche zum Kondomgebrauch erörtert werden.” Dieses Thema jetzt anzusprechen, so Smoltczyk weiter, wäre gutes Timing, um mehr Menschenleben in Afrika vor dem AIDS-Virus zu schützen. Anstatt dies zu tun, verflüchtige sich der Papst lieber in das Grundsätzliche, und, so die logische Konsequenz, wenn man die Gedanken des Autors weiterverfolgt, müssen die Afrikaner unter der Haltung des Papstes leiden.
Dieser Ausdruck des Grundsätzlichen …:
(Gegen die HIV-Seuche, so Benedikt, müsse man auf doppelte Weise angehen: “Zuerst durch die Vermenschlichung der Sexualität, also eine geistliche Erneuerung, aus der eine neue Art im Umgang mit dem eigenen Körper und in der Beziehung mit anderen folgt. Zweitens bedarf es einer wahren Freundschaft und Bereitschaft Opfer zu bringen und persönliche Einschränkungen, um an der Seite der Leidenden zu stehen. Das sind die Faktoren, die wahren Fortschritt bringen.”)
... statt klarer Worte zur Verwendung von Kondomen, nennt Smoltcyk schlechte Kommunikation, und damit schlechte Werbung. Das preisen des Kondoms hingegen gute Werbung und damit richtig. Deswegen beendet er den Beitrag mit den Worten:
Das (das Grundsätzliche) wird nichts mehr ändern. Jetzt hilft nur noch Krisenkommunikation. Ein Besuch in einem Aids-Hospital und eine mutige Erklärung, wonach Kondome in dieser Hölle kein Teufelszeug sind.
Auf den ersten Blick mag das stimmen. Auf dem zweiten begeht Smoltczyk hier aber einen riesigen Fehler.
Erstens: Kondome werden den AIDS-Kranken auch nicht mehr helfen. Denen, die noch nicht infiziert sind, schon. Aber die Lebensweise, die die katholische Kirche vorschlägt, auch.
Zweitens: Kann der Papst Kondome nicht gut heißen. Denn dann würde er gegen die katholische Lehre predigen. Sex ist in der katholischen Kirche nur dafür da, um die Familie zu vergrößern. Denn die Kirche ist gegen Promiskuität. Wer trotzdem viel Sex mit verschiedenen Partnern haben will, versündigt sich. Oder wollt ihr allem ernstes behaupten, der Papst solle sagen “wenn ihr schon sündigt, dann nehmt ein Kondom”? Seid ihr noch mit allen Sinnen beisammen? Das wäre so ähnlich wie “ja wenn ihr schon jemanden bestehlt, dann seid bitte freundlich dabei”? Gut, der Vergleich hinkt, weil es beim zweiten nicht um Menschenleben geht. Aber solch eine Aussage vom Papst wäre eine Duldung der Sünde. Was bitte verlangt ihr von ihm?
Drittens: Der Vorgänger von Benedikt XVI., also Papst Johannes Paul II. (den Smoltczyk noch so hoch lobt in seinem Beitrag: “Johannes Paul II. war bis zum letzten Atemzug ein Meister in dieser Kunst (Public Relations)” (Glaubt Smoltcynk wirklich, Johannes Paul II. hätte seine Reden selbst geschrieben?)) war auch strikter Gegner des Kondoms. Er konnte es aber wohl nur besser verpacken als Benedikt XVI., was uns zu Viertens führt.
Viertens: Es ist nicht die Aufgabe des Papstes, all seine Äußerungen so zu formulieren, dass die Presse sich darüber freuen kann und seine Lehre so weiter vermittelt, dass sie “werbetechnisch” den Vatikan in einem guten Licht darstellt. Vor allem, weil scheinbar die ganzen Journalisten das Bedürfnis haben, der Kirche sagen zu müssen, wie sie gut aussieht, und damit auch deren Lehre bestimmen wollen.
Es ist daher Fünftens die Aufgabe der Medien (und sogenannten Intelligenz), Informationen so zu übermitteln, dass sie dem Inhalt der Information gerecht werden und richtig übermitteln (Nachzulesen in “Seriöse Medien für Dummies”) Dies war in der Kondomkrise nicht der Fall. Und in vielen anderen Fällen auch nicht so (Beispiel: Beitrag zum Amoklauf). Ein wenig Denken hilft dabei schon und nicht jeden kleinen scheinbaren Grund nutzen, gleich gegen die Kirche zu wettern. Ihr habt doch alle schon gewonnen, Staat und Kirche sind getrennt. Nun lasst sie aber auch das sein, was sie ist – ein Glauben.
Und Sechstens: Teufelszeug ist in der Hölle (für die Hölle) immer gut. Ansonsten wäre es kein Teufelszeug.
Was Smoltcyzks nur ansatzweise in seinem Beitrag schaffte, will ich hier nachholen. Papst Benedikt XVI. wurde folgende Frage gestellt:
Heiligkeit, unter den vielen Übeln, die Afrika heimsuchen, steht besonders die Verbreitung von Aids. Die Haltung der katholischen Kirche über die Art und Weise, wie das zu bekämpfen sei, wird oft als unrealistisch und wirkungslos betrachtet. Werden Sie dieses Thema während der Reise ansprechen?
Der Papst antwortete laut Vatikan so:
Ich möchte das Gegenteil behaupten: Ich glaube, dass die wirksamste und im Kampf gegen Aids präsenteste Organisation eben diese katholische Kirche mit ihren Bewegungen und unterschiedlichen Strukturen ist. Ich denke an die Gemeinschaft Sant’ Egidio, die im Kampf gegen Aids so viel im Sichtbaren und im Verborgenen tut, ich denke an die Kamillianer und all die Ordensschwestern, die den Kranken dienen (...)
Ich würde sagen, das Problem Aids kann man nicht bloß mit Werbeslogans überwinden. Wenn die Seele fehlt, wenn die Afrikaner sich nicht selbst helfen, kann diese Geisel nicht mit der Verteilung von Kondomen beseitigt werden: Im Gegenteil, es besteht das Risiko, das Problem zu vergrößern. Die Lösung kann nur mit einem doppelten Engagement gefunden werden: Das erste ist eine Humanisierung der Sexualität, das heißt eine geistige und menschliche Erneuerung, die eine neue Art des Umgangs miteinander bringt. Und das zweite eine wahre Freundschaft auch und vor allem mit den Leidenden, die Bereitschaft, bei ihnen zu sein, auch mit Opfern und persönlichem Verzicht.
Dies sind die Faktoren, die helfen und die auch zu sichtbaren Fortschritten führen. Deshalb möchte ich sagen, ist es diese unsere doppelte Anstrengung, den Menschen innerlich zu erneuern, ihm geistige und menschliche Kraft für ein Verhalten zu geben, das dem eigenen Körper und dem des anderen gerecht wird, und diese Fähigkeit, mit den Leidenden zu leiden, da zu bleiben in den Prüfungen des Lebens.
Mir scheint, dass dies die rechte Antwort ist und dass die Kirche dies tut und damit einen sehr großen und wichtigen Beitrag leistet. Danken wir all jenen, die das tun.
Noch eine kleine Anmerkung zum Kommentar von Smoltczyk, dass der Vatikan “Geld” mit “Werbeslogan” ausgetauscht hat. Ich hätte es stehen lassen. Denn die Staaten drücken sich um ihre Verantwortung in Afrika, indem sie glauben, mit Geld alles kaufen zu können, auch die Gesundheit der Menschen, die dort leben. Es ist nötig, ja, aber das reicht bei weitem nicht aus.
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